Süddeutsche Zeitung München 20.04.1989

Die Meinung des Kritikers
Organbank der Reichen
Reportage: Ersatzteillager Mensch? (ZDF)

Der Handel mit menschlichen Organen ist bei uns nicht verboten. Auf Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen erklärte die Bundesregierung, dass sie einen Handlungsbedarf in diesem Bereich derzeit nicht sehe. Silvia Matthies setzte sich mit der gesamten Problematik auseinander, und was sie recherchierte, hatte einen Organkrimi zur Folge, der dem Zuschauer gehörig an die Nieren ging. Von denen hat man in der Regel zwei und ist schlimm dran, wenn sie nicht funktionieren. Oft ist eine Transplantation die einzige Rettung für Nierenkranke. Die Reportage zeigte, wie mangels Spendernieren die Slums von Bombay zum Beispiel zur „Organbank der Reichen“ werden. Wie die tatsächliche Not aus dem Augenwinkel der Organhändler Menschen zum ausschlachtbaren Ersatzlager machen.
Da verschickt in der Bundesrepublik ein Organhändler 8000 Briefe an Leute, die verschuldet sind, und 500 schreiben zurück, dass sie angesichts ihrer Lage zu einer Organspende bereit seien. Doch nicht allein das machte den Bericht von Silvia Matthies so haarsträubend. Auch die Diskussionen darüber, wann ein Mensch tot genug ist, um ihm Organe zu entnehmen, zeigte, dass wir mit der Definition des Hirntodes eine eher organempfängerfreundliche Bestimmung getroffen haben.
So waren vor allem die Verhältnisse in Indien, die Situation der Armen dort, die die ethische Dimension des Organhandels offen legten. Hier ist wohl wirklich Handlungsbedarf angezeigt.
Frank Scheller

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.