Risiko Kind
Wohin führt die PID ? (Präimplantationsdiagnostik)
Autorin: Silvia Matthies

ARD-Dokumentation, 17. März 2011 00.20 Uhr, 45 Min

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Seit der BGH-Entscheidung vom Juli 2010, die die PID für schwere Erkrankungen als zulässig bezeichnete, herrscht in Deutschland Unsicherheit, ein Reproduktionsmediziner bezeichnet das Thema hierzulande gar als „rechtsfreien Raum“. Denn kollidiert die Zulassung nicht mit den Grundsätzen des Embryonenschutzgesetzes? Und was ist eine schwere Krankheit und was nicht?
Der Film von Silvia Matthies beleuchtet die medizinische, gesellschaftliche und ethische Dimension der Präimplantationsdiagnostik und analysiert Haltung und Argumente der Gegner wie der Befürworter. Die gegenwärtige Debatte zeigt, wie tief die Gräben in Gesellschaft, Politik und Kirche sind, wenn es um die Möglichkeiten moderner medizinischer Diagnostik geht.
 

 


KRITIKEN
Evangelische Presseagentur (epd)

Evangelische Presseagentur (epd) 01.04.2011

Guter Journalismus
Risiko Kind- wohin führt die PID

Buch und Regie: Silvia Matthies
ARD/BR, 16.3.11

epd Schon die ersten Bilder illustrieren, dass es um einen weitreichenden Konflikt geht: „der Traum vom gesunden Kind……“ hebt der Kommentar an und die Bilder zeigen in eiskaltes Blau getauchte Reagenzgläser. In einem gläsernen Aufzug erscheint eine junge Frau, die am Marfan-Syndrom leidet. Trotz ihres Handicaps , darunter schon zwei Herzoperationen, möchte sie ihr Leben nicht missen, will ihre Träume verwirklichen. Der gläserne Aufzug steht auch als Symbol dafür, dass die umstrittene Präimplantationsdiagnostik (PID) die Menschen gläsern macht, Menschen mit Behinderungen wieder als unwertes Leben erscheinen lässt.
Eigentlich sollte der Film  der Autorin Silvia Matthies am Vorabend einer geplanten Bundestagsdebatte über die rechtliche Regelung der PID gezeigt werden -und das schon zu einer ärgerlich späten Sendezeit  um 23.30. als ob solche brisanten gesellschaftlichen Grundkonflikte wären als die zur Primetime ausgestrahlten Unterhaltungssendungen. Doch mit den Katastrophenmeldungen aus Japan  wurde nicht nur die Bundestagsdebatte auf den 7. April vertagt, auch die Doku wurde nach hinten verschoben – auf 0.20 Uhre, mit Überziehung der vorausgegangenen Sendungen wurde es dann 0.50 Uhr, und es stellt sich die Frage, ob dieser Sendetermin im sinne des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrages noch zu verantworten ist – zumal die Dokumentation nicht nachträglich in der ARD-Mediathek abrufbar ist. Der Beitrag sei zu spät fertig geworden, heiß es beim BR. (Anmerkung des Autors: „Das stimmt definitiv nicht………“)
Ein Jammer, denn Matthies gelang eine Dokumentation, die das äußerst komplexe, wissenschaftlich, ethisch und menschlich problematische Thema auf ebenso nüchterne wie präzise Weise darstellte. Die gewählten Fallbeispiele machten deutlich, dass die Hoffnung auf klare Urteile ein „Irrwahn“ ist, wie es Frank Montgomery, Vizepräsident der Deutschen Ärztekammer formulierte. Das zeigte Matthies an Biographien, die die ganze Tragik der Fragestellung deutlich machen: ein Gynäkologin, die zwei gesunde und ein behindertes Kind hat, votiert für die PID – wohl wissend, dass sie als Trägerin des Gendefekts bei der PID selbst „aussortiert“ worden wäre. PID, damit verbindet sich die Gewissensfrage, ob man im Reagenzglas gezeugte Embryos vor dem einpflanzen in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersuchen sollte, um dann defektes Leben zu verhindern. Mit der Methode verbunden sei ein unhaltbares Heilsversprechen, argumentiert Katrin Göring-Eckardt, Wortführerin der PID-Gegner im Bundestag. Ohnehin seien nur drei Prozent aller Behinderungen vorgeburtlich feststellbar.
Dagegen hält der Sprecher der PID-Befürworter, Peter Hintze. Um Einzelfälle  gehe es und darum, Schwangeren einen Gewissenskonflikt bei der Spätabtreibung zu ersparen. Es solle nicht über Art und Schwere der Krankheit ein Werturteil gefällt werden. Wie weit die Enden der Diskussion bereits auseinandertreiben, zeigen die Beispiele aus England, wo per Gendiagnostik mehr als 400 Defekte identifiziert werden können, und das im Gegensatz dazu proklamierte „Recht auf Nichtwissen“, das auch viele Eltern der bereits  zur Regeluntersuchung gewordenen Pränataldiagnostik für sich beanspruchen.
Die Autorin macht es ihren Zuschauern nicht leicht. Sie führt sie nicht mit klugen Kommentaren an der Leine durch das Labyrinth der Argumente, sondern stellt diese einfach dar. Mit allen Konfliktsituationen, wie der einer Familie mit einem Down-Syndrom-Kind, die trotzdem die PID befürworten. Eine solche langfristige Verantwortung könne er bei einem weiteren Kind nicht tragen, sagt der Vater. Die Mutter eines anderen Down-Kindes sagt, man habe es bei der Geburtsdiagnostik „monstermäßig dargestellt“,  mit Herzschwäche, Klumpfuß und einer möglichen Totgeburt. Heute sehen sich die beiden zusammen gerne Operfilme an und lächeln einander zu.
Neben Ethik gibt es auch den Kommerz. Hinter dem Euphemismus „Family Blancing“ steht in den USA die Vorauswahl des Geschlechtes, da ist es nicht weit zum Designerbaby nach Wunsch. Dieser schönen neuen Welt a´ la Huxely tritt die evangelische Bischöfin Susanne Breit-Keßler entgegen. Leid anzunehmen gehöre zum Leben, lasse die Menschen barmherziger werden.
Obwohl Matthies` Dokumentation deutliche Skepsis gegenüber der PID anklingen lässt, ist sie alles andere als voreingenommen. Die Fähigkeit, den richtigen Leuten präzise Fragen zu stellen, macht guten Journalismus aus. Matthies geht weiter, zeigt, dass die gute Absicht durchaus der erste Schritt ins Unheil sein kann. Dazu passt die betont nüchterne Dramaturgie, die es erfreulicherweise vermeidet, Bilder von lächelnden Babys und Behinderten zu kontrastieren.  Gezeigt werden einfach nur Menschen in Interview-Situationen – Bilder, die nicht ablenken von den Aussagen.
Dieter Deul

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.