Rheinpfalz Ludwigshafen 17.5.90

Fernsehen kritisch

Skandalös

„Auf eigenes Risiko“ (ZDF): Versuche mit Arzneimitteln stehen schon länger im gesellschaftspolitischen Zwielicht. Doch was die engagierte Journalistin Silvia Matthies in der ZDF-Reportage ans Tageslicht brachte, ist nur noch als skandalös zu bezeichnen. Mit schon beneidenswerter Sicherheit fand sie die Löcher und dunklen Stellen in einer korrupten Forschungspraxis und laschen Rechtsprechung. Verantwortungslose Ärzte verabreichen unwissenden Patienten -gegen entsprechend hohes Entgelt der pharmazeutischen Industrie- Medikamente, die zu Testzwecken eingesetzt werden. Die Krankheitsfälle, die Silvia Matthies vorstellte, endeten tragisch: Ein Patient starb, eine Patientin musste sich nach der Einnahme eines Präparates gegen Rheuma einer Lebertransplantation unterziehen und leidet seither an schwersten gesundheitlichen Schädigungen und unerträglichen Schmerzen.

Zu genau ist die Recherche von Silvia Matthies, zu undurchsichtig und peinlich sind die Antworten der betroffenen Ärzte, Staatsanwälte und Industrievertreter, als das man die bedrückenden Erkenntnisse ihrer Reportage nicht ernst nehmen könnte. Von Arzneimittelversuchen, die ambulant durchgeführt werden, ist nur abzuraten, weil sie unseriös sein können. Hinter dem harmlosen Wörtchen unseriös steht im Ernstfall Lebensgefahr. Versuchskaninchen sind in erster Linie Alte und Unwissende, die für ihre Gutgläubigkeit teuer bezahlen müssen. Man kann der unerschrockenen Autorin des überaus informativen Berichtes nur beipflichten, dass schnellstens ein entsprechend hartes Gesetz verabschiedet werden muss, das geldgierigen Kurpfuschern ihr kriminelles Handwerk legt.
Thomas Schneider

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.