Kieler Nachrichten 17.5.1990

Gute Besserung

 „Wir haben da etwas Gutes Neues. Das hilft Ihnen bestimmt“ - mit solchen Floskeln gelingt es manchen Ärzten immer wieder, Patienten für die Einnahme eines Versuchspräparates zu gewinnen. Ahnungslos und auf eigenes Risiko schluckt der Kranke die vermeintliche Wunderpille – und erlebt manchmal sein blaues Wunder. Die ZDF-Reportage „Auf eigenes Risiko“ von Silvia Matthies zeigte zwei haarsträubende Fälle, zeigte die Skrupellosigkeit der Ärzte, die Sorglosigkeit der Pharmaunternehmen und die Gleichgültigkeit der Staatsanwälte.

Da wird eine rheumakranke Frau fast zu Tode geheilt, liegt eineinhalb Jahre auf der Intensivstation, erleidet unendliche Schmerzen und endet nach einer Lebertransplantation halbgelähmt im Rollstuhl. Und der Herr Oberstaatsanwalt sieht keinen Grund zum eingreifen….?

Oder der Assistenzarzt, der seinen Chef verpfeift, weil der ahnungslose alte Menschen für Versuchszwecke missbraucht, um das dicke Geld einzustreichen – 2000 bis 5000 Mark pro Testperson! Da entblödet sich der Staatsanwalt nicht, dem Assi auch noch Neid vorzuwerfen. Während sich der Halbgott in Weiß, dem es eigentlich einmal unter die Schürze zu schauen gelte, unbehelligt ins Ausland absetzen kann.

Man hätte am liebsten losbrüllen mögen bei diesem Film. Dem Tier wird das Opfer „zugunsten der Medizin“ mit Gewalt abverlangt, dem Menschen mit List und Tücke. Gute Besserung Pillenindustrie.
Michael Görmann

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.