Govindbay mit NarbeErsatzteillager Mensch
Organhandel
Autorin: Silvia Matthies
ZDF Reihe „Die Reportage“, 18. April 1989, 19.30 Uhr, 45 Min

 

 


KRITIKEN
Ärzte-ZeitungBadische ZeitungMannheimer MorgenMittelbayrische ZeitungNürnberger ZeitungSüddeutsche ZeitungTazWiesbadener Kurier

Ärzte-Zeitung  20.04.1989

TV-Kritik / „Ersatzteillager Mensch“ im ZDF

Wie skrupellose Organhändler die Ware an den Mann bringen

Berichte über kommerziellen Organhandel, sie finden sich mitunter in der Boulevard-Presse, haben meistens einen reißerischen Beigeschmack. Eine rühmliche Ausnahme bildete am Montag im ZDF die Reportage „Ersatzteillager Mensch“ von Silvia Matthies.  Detaillierte Recherchen der Autorin bestätigen lange geäußerte Vermutungen, die vom Auswärtigen Amt  unter Hinweis auf nicht vorhandene Botschaftsberichte stets als als Sensationsberichte abgetan wurden: In Deutschland gibt es einen schwunghaften Handel mit Organen von Spendern aus der Dritten Welt. Aber auch Bundesbürger verkaufen ihre Niere.
Der Bericht ließ keine Spekulationen über die Motive der „Verkäufer“ hierzulande oder in Indien zu. Grund für die Spende ist stets wirtschaftliche Not. Erschütternd die freimütige Aussage eines Organ-Maklers über seine Beschaffungsmethoden: Datenbanken der Kreditinstitute und Schuldnerverzeichnisse der Gerichte lassen erkennen, wem das „Wasser bis zum Hals steht“. Skrupellose Geschäftemacher nutzen diese Situation gnadenlos aus.
Gesundheitliche Folgen spielen keine Rolle.
Unter den Drahtziehern bekannte Figuren: der zwielichtige Rechtsanwalt, der im Ausland agierende deutsche Arzt und der Import-Export-Kaufmann. Warum kann ihnen niemand das Handwerk legen? Es fehlt dafür an rechtlichen Grundlagen.
Nach dieser eindrucksvollen Reportage sind die deutschen Behörden gefordert: Sie können dem widerwärtigen Treiben nicht länger tatenlos zusehen.
Jürgen Becker

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.
 

Badische Zeitung 20.04.1989

Die Fernsehkritik
Horrorkabinett
Ersatzteillager Mensch(ZDF)

Was bitteschön darf es sein? Ein Adelstitel, ein Baby aus der Dritten Welt oder eine Niere: Für skrupellose Profiteure ist der schwunghafte Gemischtwarenhandel „ein Geschäft wie jedes andere auch.“ In der Bundesrepublik bewegen sie sich, was den Organverkauf betrifft, in einem rechtsfreien Raum. Ihre Praktiken freilich sind mehr als nur moralisch zweifelhaft.
Silvia Matthies besichtigte in ihrer glänzend recherchierten Reportage den freien Markt für Organe, Föten und lebendiges Gewebe.
Ein Blick in das Horrorkabinett gnadenloser Profitgier. Und in ein gesetzliches Niemandsland, der nicht nur die Machenschaften Einzelner, sondern auch die Praktiken der medizinischen und gentechnologischen Forschung an den Pranger stellte: „Abtreibungsmaterial“ und  Frühgeburten  werden in der Bundesrepublik „ wie frische Brötchen über den Ladentisch geschoben.“ Die Bundesregierung sieht für die gentechnologischen Versuche an lebenden Föten „ gesetzlich derzeit keinen Handlungsbedarf“.
Der Handel mit Organen und Geweben freilich sprengt nicht nur hierzulande die Grenzen ethischer Verantwortbarkeit, er ist vor allem in den Ländern der Dritten Welt ein grenzenloser Markt krimineller Ausbeutung. Rekrutiert ein Hamburger Organverkäufer aus der Schuldenkartei („Die sind sowieso nah am Selbstmord“), so werden die Menschen kurz vor dem Hungertod in Indien beispielsweise gar nicht erst gefragt. Silvia Matthies recherchierte mit ihrem Team ( und versteckter Kamera) vor Ort und entdeckte in den Slums von Bombay „eine riesige Organbank“.
Mit von der Partie ist der Filz aus Bürokratie, Krankenhäusern, Pharmaindustrie und Mafia. Daß zudem in den Ländern Lateinamerikas schon Kinder als „Ersatzteillager“ für den reichen Westen im wahrsten Sinne des Wortes ausgenommen werden, gehört zu jenen Tatsachen, die ( nicht nur) die US-amerikanische Regierung bis heute schlicht verleugnet. Der zeitgenössische Kolonialismus hält sich an die lebendigen Ressourcen.
Die betont sachliche Reportage, die in erster Linie Betroffene, Bilder und Fakten sprechen ließ, führte einmal mehr vor Augen, wie sich die Regierenden aus der Verantwortung stehlen, wenn technischer Fortschritt und Profitgier lukrative Allianzen eingehen.
kö    

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.
 

Mannheimer Morgen 20.04.1989

Kritisch ferngesehen

„Die Reportage“ (ZDF)

Horrorvisionen beschwor diese fast schmerzhaft eindringliche Reportage von Silvia Matthies herauf. 45 Minuten lang begleitete  der Zuschauer sie durch einen Alptraum:  Arme Menschen, von eiskalten Geschäftemachern zur Organspende gezwungen und als Höhepunkt der Perversion Kinder, die als „menschliche Ersatzteillager“ im Handel sind – dem Grauen war kein Ende gesetzt. Die Reporterin hat sich offensichtlich mit ganzem Herzen auf das Problem gestürzt und an Ort und Stelle das Unglaubliche recherchiert. Immer wieder gaben Zeugen und  Fachleute Auskunft, produzierten sich eiskalte Händler vor der versteckten Kamera. Wer diesen Film gesehen hat, der wird auch zahlreichen bundesdeutschen Medizinern nicht glauben können, die auf der einen Seite das ungeborene Leben schützen wollen, auf der anderen Seite ohne jeden Skrupel abgetriebene Föten und Embryonen zu Forschungszwecken freigeben. Gottlob aber denkt die Mehrheit der Ärzte sicher anders. An ihr, den Politikern und der Öffentlichkeit ist es nun, dem schrecklichen Treiben ein Ende zu setzen. Der Film könnte den Anstoß dazu gegeben haben.

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.
 

Mittelbayrische Zeitung Regensburg 20.April 1989
Kritisch gesehen
Makabre Entwicklung

Vor einigen Jahren ist im deutschen Fernsehen ein aufregender Thriller gelaufen, in dem geschildert wurde, wie Menschen gejagt und eingefangen wurden, denen man dann die Organe entnahm,  um sie an reiche Patienten zu verscherbeln. Das war damals Science Fiction in höchster Potenz. Heute hat die Wirklichkeit die Fantasie wieder einmal eingeholt, ja überholt. Was Silvia Matthies in ihrer sehr gründlich recherchierten Reportage „Ersatzteillager Mensch“ am Dienstag  im ZDF über die bereits etablierte internationale Organ-Mafia zu berichten wusste, war dazu angetan, das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Hier wird die Not junger Menschen in der Dritten Welt skrupellos ausgenutzt, sie geben für Geld ihre Niere, ihre Gesundheit, ja oft ihr Leben hin. Das Schlimmste dabei ist aber, dass die Ganoven sich in einem rechtsfreien Raum bewegen, denn die Gesetzgeber hinken überall der rasanten Entwicklung hinterher, die von den Fortschritten der Transplantationsmedizin eingeleitet wurde.
In diesem Zusammenhang war die Autorin auch in Deutschland Gerüchten nachgegangen, die etwas von einem Handel mit abgetriebenen Föten  wissen wollten. Auch das erwies sich als wahr, denn  mit dem Gewebe von Ungeborenen lässt sich medizinisch einiges anfangen. Der Justiz und der Executive sind aber die Hände gebunden, denn solcher Handel ist bislang nicht verboten und die ethische Hemmschwelle scheint bei manchen Leuten recht niedrig zu liegen.  Für die Politiker aller Couleurs besteht also ein riesiger Nachholbedarf um hier makabren Entwicklungen endlich einen Riegel vorzuschieben.
pk

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.

Nürnberger Zeitung  20.04.1989

Fernsehen kritisch

Enthüllend

Reportage: Ersatzteillager Mensch“ / ZDF. – Ein neuer Geschäftszweig hat sich zwischen zwei Gruppen von notleidenden Menschen angesiedelt: der skrupellose internationale Organhandel. Die Hilflosigkeit vom Tode bedrohter Nierenkranker nutzen halblegale Händler ebenso wie den Druck der in finanzielle Not geratenen aus und streichen mit Hilfe haarsträubender Praktiken riesige Profite ein.

Silvia Matthies zeigt in ihrem sachlichen und gut recherchierten Bericht den Ge- und Missbrauch von Menschen als lebende Ersatzteillager auf. Mit allen journalistischen Finessen wie der Arbeit mit Strohmännern und versteckter Kamera drang sie bis zu den Quellen des Organhandels vor. Und die liegen vor allem in der Dritten Welt.

In Bombay fand die Reporterin heraus, wie die Ärmsten der Armen mit viel Geld und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zur Herausnahme ihrer Nieren veranlasst werden. Mit stillschweigender Absegnung durch die Behörden werden die Organe dann an Europäer, Amerikaner und Araber für mehrere tausend Mark verkauft. Ungefährlich ist das nicht, die Spender können nach der Operation kaum noch einmal arbeiten und die Empfänger tragen das hohe Risiko der Abstoßung des fremden Gewebes durch den eigenen Körper und die Infektionsgefahr. Eine regelrechte Organmafia hat sich in Indien bereits etabliert, in Lateinamerika floriert der Handel mit Kleinkindern als Organspender. Gesetze stehen noch aus und auch in der Bundesrepublik sieht die Regierung in dieser Frage keinen Handlungszwang.

Eine diffizile Frage bleibt die Organspende jedoch auch nach gesetzlichen Regelungen noch. Missbrauch ist auch bei der sogenannten „Hirntodspende“ nicht ausgeschlossen.

nico

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.

Süddeutsche Zeitung München 20.04.1989
Die Meinung des Kritikers
Organbank der Reichen
Reportage: Ersatzteillager Mensch? (ZDF)

Der Handel mit menschlichen Organen ist bei uns nicht verboten. Auf Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen erklärte die Bundesregierung, dass sie einen Handlungsbedarf in diesem Bereich derzeit nicht sehe. Silvia Matthies setzte sich mit der gesamten Problematik auseinander, und was sie recherchierte, hatte einen Organkrimi zur Folge, der dem Zuschauer gehörig an die Nieren ging. Von denen hat man in der Regel zwei und ist schlimm dran, wenn sie nicht funktionieren. Oft ist eine Transplantation die einzige Rettung für Nierenkranke. Die Reportage zeigte, wie mangels Spendernieren die Slums von Bombay zum Beispiel zur „Organbank der Reichen“ werden. Wie die tatsächliche Not aus dem Augenwinkel der Organhändler Menschen zum ausschlachtbaren Ersatzlager machen.
Da verschickt in der Bundesrepublik ein Organhändler 8000 Briefe an Leute, die verschuldet sind, und 500 schreiben zurück, dass sie angesichts ihrer Lage zu einer Organspende bereit seien. Doch nicht allein das machte den Bericht von Silvia Matthies so haarsträubend. Auch die Diskussionen darüber, wann ein Mensch tot genug ist, um ihm Organe zu entnehmen, zeigte, dass wir mit der Definition des Hirntodes eine eher organempfängerfreundliche Bestimmung getroffen haben.
So waren vor allem die Verhältnisse in Indien, die Situation der Armen dort, die die ethische Dimension des Organhandels offen legten. Hier ist wohl wirklich Handlungsbedarf angezeigt.
Frank Scheller

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.
 

Taz Berlin 21.04.1989

S T A N D B I L D

Enthüllungsjournalismus at its best

Ersatzteillager Mensch, ein Bericht von Sylvia Matthies, Di 18.4. 19.30 Uhr, ZDF

Ahnungslose junge Inder werden unter Vorwänden ins Krankenhaus geschleust. Beim Aufwachen aus der Narkose haben sie meist eine Niere weniger und ein paar tausend Mark mehr. Doch die reichen nicht lange, denn mangels medizinischer Versorgung bleiben viele für den Rest des Lebens arbeitsunfähig. Das ist nicht etwa Stoff eines neuen Horrorfilms, sondern die nackte Realität in Bombay. Und nicht nur dort. Denn der Handel mit Organen ist nirgendwo gesetzlich geregelt. Und freiwillige Spender lassen sich von hohen Summen locken.  
Ungestraft dürfen den Spendern dabei gesundheitliche Risiken verschwiegen werden, niemand ist verantwortlich, wenn die gespendeten Organe vom Körper des Empfängers wieder abgestoßen werden. Nur die Dealer verdienen sich eine goldene Nase. Silvia Matthies täuschte Kaufinteresse vor und ging dem skrupellosen Geschäft in der Bundesrepublik und in Indien nach. Gefilmt wurde aus dem Koffer und, wenn es gar nicht anders ging, lief wenigstens das Tonband mit. Systematisch ertastet sie den rechtsfreien Raum, stößt an keine Grenzen.
Die Entscheidung darüber, ob ein Mensch tot ist, nur weil seine Gehirnfunktionen erloschen sind, obliegt allein dem Arzt. „Hirntoten“ werden gerne Organe entnommen, weil der Körper noch künstlich am Leben gehalten werden kann. Sylvia Matthies spricht mit einem britischen Spezialisten. Er berichtet von einem Fall, bei dem eine hirntote Schwangere noch siebeneinhalb Wochen weiterlebte und ein lebendes Kind zur Welt brachte. Wo liegen die Grenzen zwischen Ethik, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen? Abgründe tun sich hier auf.
Immer wieder gibt es Gerüchte darüber, was mit abgetriebenen Föten  geschieht. Eine Plastikdose in Großaufnahme. Das, was darin liegt und aussieht wie ein Stück Stoff, ist ein frisch abgetriebener Fötus. Der Schweizer Arzt Samuel Stutz hat ihn von einem deutschen Gynäkologen für 500 DM gekauft. Auch Embryonen habe er ihm angeboten. Die Frauen wissen natürlich nichts davon.
Es ist unglaublich. Dieselben Männer, die Abtreibung kriminalisieren, drücken beide Augen zu, wenn es darum geht, aus der Qual der Frauen auch noch Profit zu schlagen. Gerissene Ärzte lassen sich gleich doppelt entlohnen.
Politisch, medizinisch, moralisch und ethisch gibt es hier, unter einer dünnen Kruste von Ignoranz, einen einzigen Sumpf. Sylvia Matthies hat ein Loch hineingeschlagen. Öffentlich-rechtlich, zu guter Sendezeit. Das kann, das darf nicht folgenlos bleiben.
Petra Kohse
 

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.
 

Wiesbadener Kurier 20.04.1989

Kritisch betrachtet

Die Reportage: Ersatzteillager Mensch? (ZDF): Vor ein paar Jahren gab es einen Science -Fiction-Film von Rainer Erler, der genau das zum Thema hatte: Organhandel. Damals noch lautstark und entrüstet als Panikmache abgetan, ist diese schreckliche Zukunftsvision längst praktizierte Wirklichkeit geworden, wie die mit massiven Fakten aufwartende Reportage von Silvia Matthies zeigte.

Silvia Matthies hatte es nicht einmal besonders schwer, an Organhändler heranzukommen und sie (vor versteckter Kamera) ihr „Angebot“ unterbreiten zu lassen. Werder hier in der Bundesrepublik, noch in Indien, wo Organ“Spender“ systematisch eingefangen werden, und wo es genug florierende Kliniken gibt, die zur Transplantation bereit stehen. Begehrtestes Organhandelsobjekt sind menschliche Nieren – eine Reportage die wahrhaft an die Nieren ging.
                                                                                                                     
Hellmut A. Lange

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.