Badische Zeitung 15.03.97

Rückschau

Wie tot sind Hirntote?

Zündstoff: Nervenkrieg am Sterbebett (ZDF)

Der Fall ist empörend. Pfingsten 1995 wird Hannelore Balds Lebensgefährte mit einer Hirnblutung ins Aachener Klinikum eingeliefert. Kurz darauf steht für den behandelnden Arzt fest: Hirntod. Nun beginnt das, was die Autorin „Nervenkrieg am Sterbebett“ genannt hat. Der junge Mediziner, bar jeden Gefühls für die Seelenlage der noch nicht Hinterbliebenen, versucht ihr mit allen Mitteln die Zustimmung zu einer Organspende abzupressen. Als sie bei ihrem Nein bleibt, schaltet der Arzt die Geräte ab. Der Hirntote öffnet die Augen, hebt den Arm. „Was macht Ihr mit ihm?“ entfährt es Hannelore Bald.

Wie tot sind Hirntote? Diese Frage steht im Zentrum der Diskussionen um das Transplantationsgesetz, das der Bundestag demnächst verabschieden will. Silvia Matthies Beitrag zum Thema bezog klar und entschieden Position: gegen die Organentnahme bei Menschen, deren Gehirnfunktionen ausgefallen sind, deren Herz aber- dank der modernen Apparatemedizin- noch schlägt. Ein Mediziner brachte seine „ganz anderen Gefühle, als wenn jemand tot ist“ ins Spiel. Auch Justizminister Schmidt-Jortzig sprach sich gegen die sogenannte „erweiterte Zustimmungslösung“ aus. Es zeigte sich hier das Dilemma der modernen Medizin. Einerseits hat sie Methoden entwickelt, die ein Leben ohne Bewusstsein auf Jahre verlängern können. Anderseits braucht die Transplantationschirurgie immer mehr Organe- zumal es sich, auch das ließ der Bericht nicht unerwähnt- um einen „Wachstumsmarkt“ handelt. Allein Sandoz macht mit Immunsuppressiva einen Milliardenumsatz.

Kein Wunder, dass das Unternehmen Leitlinien zur Überzeugungsarbeit an Angehörigen ausgibt. Daneben nahm sich die Meinung eines Transplantierten, der sich in der Sendung äußerte, rührend altmodisch aus: eine Spende kann nur freiwillig sein. Sonst ist sie keine.
Bettina Schulte

Eine Kopie der Kritik, wie sie in der Zeitung erschienen ist, liegt vor und kann gerne per E-Mail bei Silvia Matthies angefordert werden.